Estland vor der Europawahl: Neue Träume verdrängen alte Gespenster

Reportage aus Estland: Neue Träume verdrängen alte Gespenster

Stuttgarter Zeitung, 2018

Von Artur Lebedew
In Estland hat jeder Vierte russische Wurzeln. Und während die Jungen sich gen Westen orientieren, wachsen Kulturen zusammen.

Tallin – Zwanzig Mädchen, jedes nicht älter als zehn Jahre, stehen in einem schmucklosen Klassenzimmer aufgereiht nebeneinander und proben für den bisher größten Auftritt ihres Lebens. Das Kinn emporgehoben, die Arme fast militärisch angelegt. Ins Haar haben einige eine Blume gesteckt. Sobald die Musik vom Band ertönt, singen sie über die Freiheit und die Schönheit ihres Landes – estnische Volkslieder für das Fest Laulupidu. Das Liederfest ist eine der größten Veranstaltungen für Laienchöre weltweit. Früher, als das Land von den Sowjets besetzt war, sangen die Esten die Lieder als Zeichen des inneren Widerstands. Jetzt, fast 30 Jahre später, singen sie auch russischstämmige Kinder, die Estland als ihre Heimat bezeichnen.
Langsam finden die Volksgruppen zueinander

In Estland, einem Land mit 1,4 Millionen Einwohnern am Rande der EU, ist jeder Vierte russischsprachig. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen die Sowjets das Land annektieren und schickten Tausende von Russen dorthin, um sich abzusiedeln. Lange lebten die Zuwanderer und die Einheimischen wie Bewohner zweier Paralleluniversen nebeneinander – mit eigenen Sprachen, Schulen und Fernsehsendern. Selbst das Ende der Sowjetunion konnte daran nichts ändern. Erst jetzt finden die jungen Generationen beider Volksgruppen zusammen.

Die 18-jährige Diana Valueva ist Abiturientin einer russischen Schule in Tartu, einer Studentenstadt zwei Stunden von der Hauptstadt Tallinn entfernt. Auch sie kennt die Lieder der Kinder von den blühenden Feldern Estlands und ihren Bauern, die nach Freiheit dürsten. Vor acht Jahren trat sie als Tänzerin bei Laulupidu auf – vor 30 000 Zuschauern im Stadion und den Augen der Fernsehzuschauer einer ganzen Nation.

Das Liederfest ist vor allem seit der „Besetzung“, wie viele hier die Jahre unter den Sowjets nennen, eine kulturelle Bastion der estnischen Identität. Zwar war Estnisch als Sprache während des Regimes nicht verboten, doch fühlten sich viele in ihrem eigenen Land wie Bürger zweiter Klasse: von den Russen gegängelt und misstraut.
Assimilation? Für die Russen kein Thema

Dass ausgerechnet Kinder einer russischsprachigen Schule an dem Fest teilnehmen, findet Diana richtig. „Auch wir lieben dieses Land“, sagt sie. Ihr ganzes Leben hat sie in Tartu verbracht. Sie liebt die estnischen Traditionen, die Feste, die Sprache, sie hat einen estnischen Pass, und falls sie Kinder bekommen sollte, werden sie in Estland aufwachsen – da ist sich Diana sicher. Trotzdem sei sie Russin, sagt sie und überlegt einen Moment, bevor sie hinzufügt: „Vielleicht weil meine Eltern russisch sind.“

Seit der Unabhängigkeit hatten alle estnischen Regierungen versucht, die eigene Kultur im Land zu stärken. In den russischen Schulen ist Estnisch deutlich aufgewertet worden, auf Ämtern werden nur noch Dokumente in estnischer Sprache akzeptiert. Das geht auf Kosten vieler älterer russischstämmiger Bewohner, die nie Estnisch gelernt haben. Die Arbeitslosigkeit unter ihnen ist höher, die Lebenserwartung um sechs Jahre niedriger. Nicht wenige denken, dass die unsichtbare Kluft zwischen ethnischen und russischsprachigen Esten noch lange fortbestehen wird. Karsten Brüggemann, ein deutscher Historiker, der in Tallinn forscht, fühlt sich angesichts der Parallelgesellschaften an das Verhältnis von Deutschen und Deutschtürken erinnert. „Eine Assimilation steht für viele Russen hier nicht zur Debatte“, sagt Brüggemann. In Krisenzeiten könnte seiner Meinung nach der Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen wiederaufflackern. Mit ungewissem Ausgang….

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