Reportage: Auf den Spuren von Torwartlegende Lew Jaschin

Von Artur Lebedew
Der WM-Gastgeber hat Saudi-Arabien zum Auftakt 5:0 besiegt. Trotzdem ist Russlands größter Fußballstar ein Torwart aus den 1960er Jahren. Die Spurensuche nach einem Nationalhelden.

Lew Jaschin ziert auch das offizielle WM-Poster. Foto: Fifa

Moskau – Keine Kreuze, ein zu einem Metallzaun geformtes Torwartnetz säumen das Grab von Lew Jaschin auf einem Friedhof im Nordwesten von Moskau. Wenige Blumen liegen auf dem Kunstrasen vor dem Grabstein. Darauf zu sehen und in Lebensgröße abgebildet ist der Mensch Jaschin als Torwart, die Handschuhe in der einen Hand, den Ball in der anderen. Nachdenklich schreitet er. Um ihn herum liegen die Grabseite von Künstlern, Filmstars, alten Helden der Sowjetunion. Es sind Mausoleen einer Welt, die mit dem Ende des Kommunismus zu Ende ging und Russland fest in der der Hand hat.

Fast kein Russe kann die Startaufstellung der aktuellen Sbornaja aufsagen, aber jedes Kind kennt Lew Jaschin. Straßen und Schulen sind nach dem legendären Torwart der UdSSR benannt. Sein Konterfei ziert die 100-Rubel-Note. Natürlich ist Jaschin auch das Gesicht des offiziellen WM-Plakates. Auf diesem fängt er mit einem Handschuh den Ball, der als Planet Erde dargestellt ist. Ganz so, als könne nur der Geist und der Mythos Jaschins den Erfolg dieser Weltmeisterschaft garantieren.

Galina Alexejewna schiebt die schwere Metalltür zu ihrer Wohnung auf. Sie ist hochgewachsen, trägt einen weißen Bademantel und hat tiefe Lachfalten um die Augen. Das Licht im Flur flackert, es riecht nach Farbe und Staub. „In diesem Haus ist unser Held Lew Jaschin geboren“, sagt die Rentnerin, so als habe sie gerade einen wichtigen Elfmeter gehalten.
Da legendäre Haus mit der Nummer 15

Im ihrem Haus Nummer 15, in der Straße Ulitsa Millionaya steht ein Lada mit einem Aufkleber der Filmserie „Die Geisterjäger“. Auf einem Flugblatt wirbt jemand, dass er günstig Waschmaschinen repariert. Gegenüber locken hippe italienische Restaurants. Hier trifft das Moskau früherer Tage auf die Zukunft.

Auf dem Bolzplatz in der Schule unweit vom Haus Nummer 15 erlernt Jaschin in den Wirren der 1930er Jahren das Fußballspielen. Im Sommer pariert er Bälle, im Winter Eishockeypucks. Jeder hier kennt die Geschichte, dass Jaschin bis zu seinem 20 Lebensjahr sich nicht zwischen den Sportarten entscheiden konnte. Im Eishockey wird er Landes-Pokalsieger, sein Herz aber schlägt für den Fußball. So ist das im Land der Eishockeyspieler.

„Lew Jaschin war ein guter Nachbar, ganz sicher“, sagt Galina. Ein zurückhaltender, höflicher Mann, sagt sie. „Sovetskij Tschelowek.“ Ein sowjetischer Mensch. Offen, ehrlich, hilfsbereit. So waren die Leute damals. Nicht so wie heute, wo niemand dem anderen traut und alle nur das Schlimmste vom Leben erwarten.

Mit dem Fußballclub Dynamo Moskau wird Jaschin bereits zu Lebzeiten eine Legende. Journalisten reiben sich die Augen, Stürmer verzweifeln: Schwerelos wie ein Turner hechtet sich Jaschin in die Ecken, faustet wie ein Boxer die Bälle aus dem Strafraum und leitet wie ein Stratege mit präzisen Abschlägen Angriffe ein. Ein neuer Typ Torwart ist geboren. Auf allen Kontinenten eilt ihm der Ruf der unbezwingbaren „schwarzen Spinne“, der „schwarzen Krake“, des „schwarzen Panther“ voraus, wie er wegen seines Outfits samt schwarzer Schiebermütze genannt wird.
Sigesfeiern im Restaurant „Yar“

Nach Erfolgen, wie dem Gewinn der Europameisterschaft 1960, ziehen Jaschin und die Seinigen ins Restaurant „Yar“ nahe dem Dynamo-Stadion. Große Gesten und Erzählungen ranken sich um das historische Erbe dieses Ortes zwischen seinen immer noch vergoldeten Decken und den schweren roten Teppichen. Legenden zufolge ließ der Prediger Rasputin hier Frauen auf den Tischen tanzen, Tschechov und praktisch die gesamte Sowietelite frönten ein Luxusleben abseits des kargen Alltags.

Der Wodka fließt auch in Massen als das Jaschin-Dynamo seine großen Siege feiert. Es ist ein Leichtes, sich vorzustellen, wie Kettenraucher Lew Jaschin, der Scheue, in einer Ecke sitzend, eine Zigarette nach der anderen pafft. So gerne er seine Kameraden um sich hatte – lieber verbrachte er seine Zeit alleine beim Angeln.

„Spieler, wie Jaschin fehlen“, sagt der Kellner Alexey, der mit seinen dicken Armen auch Bären erwürgen könnte, hinter den Tresen aber Tassen poliert. Fußballer in der Sowjetunion waren Bekanntheiten, aber sie waren nicht anders als normale Leute, so Alexey. Sie verdienten nicht viel und manche gingen auch einem anderen Job nach. Ein Besuch in einem Restaurant wie dem „Yar“ war für sie purer Luxus, von der Politik genehmigt. Von diesen Abenden erzählten die Spieler ihren Enkelkindern. Heute dagegen jetten die Fußballstars nach Monaco und trinken den Champagner dort. „Russland ist für sie zu provinziell.“

Was würde der „Jahrhunderttorwart“, als den ihn die Uefa vor einigen Jahren auszeichnete, der einzige Torhüter, der den „Ballon d’Or“ jemals gewann, zur Lage des russischen Fußballs heute wohl sagen? „Er wäre stolz auf die Mannschaft“, sagt Alexey. Schon vor dem Auftaktsieg der WM.
Held der sozialistischen Arbeit

Als Lew Jaschin mit 39 Jahren zu seiner letzten Partie aufläuft, hat er mehr als 400 Spiele, mehr als 150 gehaltene Elfmeter auf dem Buckel. Auf Fotografien wirkt er in der kurzen Zeit danach wie ein alter Mann. Der lange Körper gebeugt, die Arme hängen abgekämpft auf der Seite. Es dauert nicht lange, da nehmen die Ärzte dem Raucher Jaschin, ein Bein ab. Wenige Jahre später ringt ihn der Krebs mit 60 Jahren endgültig unter die Erde. Auf dem Sterbebett überreicht ihm die Sowietführung aber noch den wichtigsten Orden des Landes: Held der sozialistischen Arbeit. Als solchen feiert Russland Lew Jaschin noch heute.

Erschienen in der Stuttgarter Zeitung

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