Reportage: In Spanien sterben die Dörfer

Von Artur Lebedew
Nirgendwo in Europa leben so wenige Menschen in Dörfern wie in Spanien. Nur noch Alte und Gläubige harren aus. Was hält sie in einer Geisterstadt?

Las Ermitas – Holzkreuze und Blumenvasen säumen die Straße des Todes. So bezeichnet der Volksmund die Landroute 533 in Richtung des galizischen Dorfs Las Ermitas. Birken und Kastanienbäume türmen sich aus dem Nebel über moosige Berge, Brücken und Tunnel queren die Täler. Es sind nicht viele Menschen, die sich in die Provinz Ourense am nordwestlichen Zipfel in Spanien trauen. Nur gelegentlich schleicht ein Wagen aus der Gegenrichtung vorbei.

Fast niemand nimmt die Abzweigung nach Las Ermitas. Ein Dorf, so groß wie das Deck eines Kreuzfahrtschiffs, mit so vielen Einwohnern, dass sie in einen einzelnen Reisebus passen. Das Durchschnittsalter hier liegt jenseits der 60. Die meisten Jungen sind schon lange fort. Die Alten, die zurückgeblieben sind, hängen an ihrem Dorf. Eine von ihnen ist Maruja.

Mit 96 Jahren ist sie die Älteste in Las Ermitas. Von ihrem Haus auf dem Berg blickt sie hinab auf die wenigen Lichter, die abends vereinzelt aus den Fenstern leuchten. In Marujas Wohnzimmer steht eine alte Nähmaschine mit einem Fußpedal, aus dem Fernseher tönt eine Tierdoku. „Ich bin hier geboren, ich werde hier auch sterben“, sagt Maruja. Ihre Tochter, die mit ihr im Haus wohnt und sich auf das Sofa gesetzt hat, wischt gedankenverloren über ihr Smartphone. Maruja zieht ihre Strickjacke enger und steckt die Beine noch tiefer unter die Tischdecke, wo der Heizlüfter etwas Wärme spendet.
„Hier gibt es schon lange nichts mehr zu tun“

Das Leben im Dorf hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert, erzählt sie. Bis in die 70er Jahre gab es in Las Ermitas eine Schule, ein Anwalt und ein Arzt wohnten nicht weit entfernt. Männer tranken in Bars Wein und Frauen rösteten die gesammelten Kastanien. Jetzt muss Maruja mit einem Taxi zwanzig Minuten in den Nachbarort fahren, wenn sie sich untersuchen lassen will. Auch die Bars haben dichtgemacht. „Was sollen die Jungen hier auch machen?“, fragt sie. „Hier gibt es schon lange nichts mehr zu tun.“

Wären spanische Dörfer Tiere, stünden sie längst auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Von den 8100 Dörfern im Land haben nach Angaben der Regierung knapp 5000 weniger als 1000 Einwohner. 2016 betrug die Anzahl der Kleinstdörfer noch 4500. Regionen im Landesinneren wie Teruel, Cuenca oder Soria sind fast vollständig ausgeblutet und gleichen mit einer Bevölkerungsdichte von knapp zehn Bürgern pro Quadratkilometer einer demografischen Wüste.

Und während die spanische Bevölkerung von Jahr zu Jahr schrumpft, wachsen die Städte weiter. Die Landflucht sei ein Problem ersten Ranges, betont der Vorsitzende des Städterates und fordert von der Regierung sofortige Maßnahmen, um den Prozess aufzuhalten.

Doch wo anfangen? Mit der Automatisierung im Agrarsektor wurden in Spanien Mitte des 20. Jahrhunderts, einem damals verarmten und rückständigen Staat, auf dem Land immer weniger Arbeitskräfte benötigt. Die Militärdiktatur setzte vor allem auf die Industrialisierung der Städte, um die Wirtschaftskraft Spaniens zu stärken. Millionen von Menschen ließen ihre Felder zurück und zogen in die Städte. Mit ihnen verschwanden auch Bäcker, Schulen und eine ganze Infrastruktur. Die mangelnde Nachfrage wiederum hemmt auch heute noch Investoren, Unternehmen außerhalb von Städten anzusiedeln. Zurück bleiben die Alten, deren Kinder und Enkel sie lediglich in den Ferien besuchen und sich über das langsame Internet beschweren.
Ein hölzerner Judas wurde auf der Straße verbrannt

Nur während der Semana Santa, der Karwoche, erwacht Las Ermitas zum Leben. Prozessionen mit bis zu 2000 Besuchern winden sich dann vom Berg die engen Straßen hinab. Vorbei an Marujas Haus, vorbei an den zerschlagenen Fenstern. Männer tragen die lebensgroße Figur der Maria auf ihren Schultern, während am Straßenrand ehemalige Dorfbewohner und Touristen dem Zug mit ernster Miene beiwohnen. Früher wurde auch ein hölzerner Judas, mit Hose und Hemd bekleidet, auf der Straße verbrannt. Aber das will der neue Pfarrer nicht mehr. „Zu grausam“, sagt Maruja. Für die Kinder findet sie es schade. Zu den Prozessionen geht sie sowieso nicht mehr, dafür sind die Beine zu schwach. Auch den Gottesdienst besucht sie nicht. An einem kleinen Radio auf dem Tisch der Wohnung lauscht sie aber den dem Pfarrer, dessen Worte aus der Dorfkirche hinaus in die Welt übertragen werden.

Investitionen sollen das Dorf jetzt für Bewohner und Touristen attraktiver machen. Mit Geld der Europäischen Union wurden Wege restauriert und Parkbänke neben modernen Straßenlaternen aufgestellt. Eine alte Ölmühle wurde saniert. Für 175 000 Euro erneuerte man die Felsmauer neben der Kirche. Vor dem Gebäude erinnert den Besucher eine große Tafel an die Geldgeber aus Brüssel. Dass Las Ermitas schrumpft, daran haben die Maßnahmen allerdings nicht wirklich etwas verändert.

An diesem verregneten Tag wirkt die Kirche wie verloren zwischen Hausruinen. Das barocke Gotteshaus mit seinen verschnörkelten Balkonen an der Fassade und den beiden in den Himmel ragenden Türmen wirkt für das kleine Dorf zu groß. Als die Glocken läuten und die Hunde zu bellen beginnen, begrüßt drinnen Pfarrer Francisco rund 20 Teilnehmer. Auch die Radiohörer heißt er willkommen. Fast alle Besucher an diesem Tag sind Anwohner des anliegenden Klosters. Mönche, Gottesgläubige, von Drogen und Alkohol Gezeichnete, ehemals verlorene Seelen, die es im modernen Spanien schwer haben. Ihnen allen bietet die Kirche eine Mahlzeit und einen Platz zum Schlafen. Im Gegenzug helfen sie im Haushalt und füllen die leeren Kirchenbänke.
Gott finden in Las Ermitas

Auch Alexander und Aquelino gehören zu den Klosterbewohnern. Die beiden Freunde könnten unterschiedlicher nicht sein. Alexander: 19, tätowierte Hände, kurzer Bart, in Rumänien geboren, im Drogenmilieu groß geworden. Er will Lastwagenfahrer werden und paukt seit zwei Jahren für die Prüfung. Aquelino: 64, müde Augen, krummer Rücken, früher Professor in Santiago de Compostela, kam vor sechs Jahren nach dem Tod seiner Mutter und schreibt seither an einem Buch über Biochemie.

„Aquelino meint, wir Leute von der Straße sind manchmal wie Tiere“, sagt Alexander nach dem Gottesdienst und blickt schelmisch zu seinem älteren Freund. Der lächelt nur und steigt langsam die Treppe hinauf. „Hier wohnen wir“, sagt Aquelino, stößt die Tür auf und zeigt den großen Aufenthaltsraum. Der Kamin verströmt wohlige Wärme. Lange Tische dominieren das einfach möblierte Zimmer, ein Hund liegt auf dem Holzboden.

Vermissen die beiden Männer manchmal nicht die Stadt? Das komme schon vor, aber die nächste Disco sei ja nur eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, sagt Alexander. „Hier habe ich meine Familie gefunden, ich bin glücklich.“ Aquelino schiebt hinterher: „Wir müssen das annehmen, was Gott mit uns vorhat“. Sein ganzes Leben habe er nach Gott gesucht. Doch erst hier in Las Ermitas, in der Einsamkeit, habe er ihn wirklich gefunden, sagt Aquelino. „Die Leute glauben, wir würden wie Einsiedler ohne Kontakt zur Außenwelt leben“, murmelt Alexander mehr zu sich selbst. Es klingt, als ob er damit nicht nur die Klosterbewohner, sondern alle verbleibenden Bewohner des kleinen Dorfs Las Ermitas meint.

Erschienen in der Stuttgarter Zeitung

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