Reportage: Wolgadeutsche – Was ist Heimat?

Von Artur Lebedew
Vor 200 Jahren zog es die ersten Deutschen an die Wolga. Die meisten ihrer Nachfahren gingen später wieder zurück, einige blieben aber auch. Bis heute. Was hält sie im WM-Land Russland?

Die Frauen mit deutschen Wurzeln sitzen zusammen, trinken russischen Tee und essen Gebäck. Foto: Lebedew

Engels – Zum Schwarztee gibt es Stollengebäck. Neun Frauen sitzen um einen Tisch und singen Lieder auf Deutsch. Da geht es um den ersten Kuss, Tee aus der Samowar genannten Teemaschine, Leben an der Wolga. Sie schunkeln, wiegen den Kopf im Takt. Aus dem CD-Spieler tönen Melodien. An der Wand hängt ein Weihnachtskalender. „Ich bin eine Deutsche“, sagt später eine füllige Frau mit Goldohrringen. In Deutschland sind ihre Wurzeln. Aber dahin zurück, 3000 Kilometer in Richtung Westen, will sie nicht.

Vor rund 200 Jahren besiedelten die ersten Badener und Sachsen die Wolgaregion im Süden von Russland. Die meisten Nachkommen der Wolgadeutschen gingen wieder nach Europa. Die etwa 400 000 Menschen, die in Russland noch sind, haben ihre eigenen Gründe hierzubleiben. Mit derFußball-Weltmeisterschaft haben die wenig zu tun, eher mit Freiheit, heißt es.
Alina unterrichtet im Kulturzentrum Deutsch

Alina Söder steht im Türrahmen und lächelt die singenden Frauen, die sich hier im Deutsch-Russischen Zentrum der Stadt Engels treffen, an. Dann geht die Frau, die eigentlich anders heißt, in ihr Büro. Dort riecht es nach Borschtsch, der typisch russischen Rote-Bete-Suppe. Alina hat einen runden Kopf, ihre Haut ist so weiß wie die einer Porzellanpuppe. Im Regal lehnt ein Foto von Frank-Walter Steinmeier. „Es ist wichtig, seine Kultur zu pflegen“, sagt sie.

Im Kulturzentrum unterrichtet Alina Deutsch. Etwa 45 Schüler schreiben sich hier jedes halbe Jahr ein, um die Sprache zu lernen. Die meisten sind, wie Alina auch, Deutsche, die in Russland geboren wurden, und ziehen nach wenigen Monaten Unterricht nach Europa. Alina will nicht. Noch nicht. „Eines Tages gehe ich. Aber jetzt nicht“, sagt sie, und es scheint, als ringe sie mit jedem Wort, ihre Augen blicken suchend in den Raum. Die Entscheidung ist nicht einfach, erklärt die junge Frau. Ihr Mann ist Russe, leitet einen Supermarkt. Sie haben ein Haus, die kleinen Kinder gehen zur Schule. „Mein Mann sagt immer: Was soll ich in Deutschland machen? Nur zum Bier­trinken fahre ich nicht.“

So denken viele Deutsche hier. Von ihren Verwandten hören sie, wie schwierig es ist, in Deutschland Fuß zu fassen. Viele kämpfen mit der Sprache. Viele können ihrem Beruf nicht nachgehen, putzen stattdessen in der Nachbarschaft. Manche fangen an zu trinken und stürzen ab. Trotzdem will Alina eines Tages nach Deutschland. Mit ihrem Mann oder ohne ihn. „Es ist, als ob ich einen Weg zu Ende gehe“, sagt sie.
Auf dem Leninplatz ist die Sowjetunion greifbar

Dieser beginnt, als Alina noch nicht geboren ist. Da schicken die Kommunisten ihre Großeltern in Viehzügen nach Sibirien. Die Nazis haben gerade die Sowjetunion überfallen, und Alinas Familie wird, wie praktisch alle Wolgadeutschen, der Spionage bezichtigt. Vom einen Tag auf den anderen müssen sie ihr Haus verlassen. Kühe und Hühner bleiben zurück, während Alinas Verwandtschaft im Nirgendwo ein neues Leben beginnt. Erst 23 Jahre später kehrt die Familie nach Engels zurück

„Solche Geschichten lassen einen nicht kalt“, sagt Alina. Es sind Erklärungsversuche, warum viele Deutsche aus Russland zurück nach Europa wollen und warum der deutsche Staat, der die Schuld an den Deportationen auf sich nimmt, ihnen das seit den 1980er Jahren auch erlaubt.

Auf dem Leninplatz, wo sich auch das Kulturzentrum befindet, ist die Sowjetunion mit den Händen greifbar. Ihre Vordenker Lenin, Marx und Engels blicken streng von einer riesigen Tafel auf die Fußgänger herab. Kistenartige Plattenbauten ragen in die Höhe. Panzer erinnern an den Sieg gegen Hitler. Es drängt sich nicht auf, dass in Engels einst viele Deutsche lebten. Dabei war das kleine Städtchen zwei Jahrzehnte lang bis 1941 sogar die Hauptstadt von Wolgadeutschland – einer Räterepublik in der Sowjetunion mit 600 000 Einwohnern, auf einer Fläche so groß wie Hessen.
Im Archiv der Wolgadeutschen ist alles dokumentiert

Es gab deutsche Zeitungen und ein Theater, in dem man Schiller und Goethe spielte. Davon sieht man heute nur noch wenig. Neben dem Leninplatz verkaufen Tadschiken und Usbeken Straßengerichte. Orientalische Musik und Bässe brummen aus den Ladas, die sich durch den Verkehr drängen. Nur vereinzelt blinzeln die Zeichen der Vergangenheit auf: Im Gasthaus Stollen servieren Kellner Jägerschnitzel. Im Nemetzki Dworok, dem Deutschen Hof, backen sie ­immer noch deutsches Brot.

In einem unscheinbaren Bau neben den Straßenverkäufern sortiert Olga Jakovna einen Stapel Mappen, der sich auf ihrem Schreibtisch türmt. Die Beine hat sie überschlagen, die schulterlangen Haare hinten zusammengebunden. Fein säuberlich legt sie die Geburts-, Trau- und Todesscheine nebeneinander. Es sind Papiere von Menschen, die einst hier lebten, und können jetzt im Archiv der Wolgadeutschen eingesehen werden. Mehrmals in der Woche kommen Besucher aus der ganzen Welt, die sich mit den Zeugnissen der Vergangenheit beschäftigen.

„Viele wollen wissen, wo sie herkommen“, sagt Olga. Oft wird in den Familien der Krieg jahrzehntelang nicht angesprochen, vieles verdrängt oder vergessen. Die meisten Besucher aber kommen, um sich ihre deutsche Abstammung bestätigen zu lassen. Das brauchen sie, um nach Deutschland auswandern zu können. Auch Archivarin Olga hat ihre deutschen Angehörigen in den ­Akten gefunden – und hätte einen Grund nach Deutschland zu gehen. Ihre Großmutter sprach bis zu ihrem Tod nur einen Brocken Russisch. Ihr Onkel wurde von den Stalinisten erschossen, weil er als Deutscher für das Radio arbeitete. Trotzdem sagt sie, dass sie sich nie gefragt habe, ob sie nach Deutschland will.
Warum Olga sich in Russland frei fühlt

„Ich glaube, die wenigsten gehen wegen der Deportationen“, sagt sie. In den Jahren nach dem Krieg waren Deutsche in der Sowjetunion nicht besser oder schlechter als andere. Sie kennt niemanden, der benachteiligt wurde. Oder anders: Allen ging es in der Kriegszeit schlecht. „Stalin war ein Faschist, der Menschen umbrachte. Aber war die Zeit unter Hitler, Mussolini oder Franco besser?“

Abends spaziert Olga den Fluss entlang. An warmen Tagen wie heute leuchtet die Wolga feuerrot. Wie ein warmer Schleier umhüllt sie die Stadt. Die Oberfläche glatt wie ein Spiegel. An den Rändern wie uferlos. Olga blickt lange den Wasserlauf hinauf. Ihre Perlenkette funkelt, das Kleid schaukelt im Wind. „Ich weiß, dass ich mich ­woanders nicht frei fühle“, sagt sie.

Es ist irritierend, Putins Russland mit einem Hort der Freiheit zu verknüpfen. Olga lächelt und setzt dann zu einer Erklärung an. In Russland kann sie ohne vorwurfsvolle Blicke im Bus telefonieren, sagt sie. Spätabends mit Gästen Lieder singen, ohne dass die Nachbarn an der Tür klopfen. Im Supermarkt findet sie den Buchweizen für den Frühstücksbrei, im Restaurant das Reisgericht Plow. „In Russland sagt man: Da, wo man geboren ist, dort wird man auch gebraucht.“ Vielleicht ist es noch das alte Denken von früher, sagt Olga. Aber letzten ­Endes fühlt man sich nur in der Heimat frei.

Erschienen in der Stuttgarter Zeitung

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